Autor: Hajo Schneck
Juni 2023 – Trinkwasser nach der Überflutung
Als ob Raketen, Drohnen und Splitterbomben nicht genug wären, werden jetzt auch noch Ressourcen, die für Ernährung, Landwirtschaft und Energieerzeugung gedacht und genutzt waren, zu Waffen gegen Menschen und Umwelt eingesetzt. Die Sprengung des Kachowka-Dammes, der einen Stausee von der mehrfachen Grösse des Bodensees bzw. fast der halben Grösse des Assuan-Stausees mit dem gigantischen Fassungsvermögen von 18 Milliarden Kubikmetern Wasser zurück hielt, hat nicht nur eine rasch eintretende Überflutung zahlreicher Städte und Ortschaften flussabwärts zur Folge gehabt. Die ehemalige Grossstadt Cherson, die in den langen Kriegsmonaten durch die brutale und mit unendlichem Leid verbundene Belagerung durch die
Verbrecher der sog. „Wagner-Gruppe“ (es lebe die deutsche Kultur) Bekanntheit erlangt hat, war bis auf einen Bruchteil der Einwohner zwar schon zuvor nahezu entvölkert, so dass es nicht zu Tausenden akuter Überschwemmungsopfer gekommen ist. Aber der Staudamm lieferte auch das Wasser für die beidseits des weiteren Dnipro-Verlaufs früher intensiv betriebene Landwirtschaft. Durch den Eintrag von hunderten Tonnen Schweröl und anderen Schadstoffen, die bei Sprengung und Überflutung in das Flusswasser gelangt sind und die sich mit dem Rückgang des Wassers im Boden ablagern werden, dürften nach Expertenangaben einige Tausend Quadratkilometer landwirtschaftlicher Flächen auf Jahre hinaus nicht mehr nutzbar sein. Von den Folgen für Flora und Fauna völlig abgesehen sind das enorme wirtschaftliche und damit soziale Schäden, und das eigentlich Schlimme daran ist, dass diese Effekte nicht nur in Kauf genommen wurden, sondern in voller Kenntnis beabsichtigt waren.
Wo das Süsswasser vorwiegend mechanisch verunreinigt ist, gibt es immer dann, wenn eine industrielle oder grosstechnische Lösung nicht möglich oder nicht rechtzeitig möglich ist, die Chance, mit dezentralen punktuellen Lösungen wenigstens übergangsweise für trinkbares Wasser ohne Einsatz von Energie und ohne grosses technisches Know How zu sorgen. Eine Möglichkeit (s. Aktuelles“, vorhergehender Beitrag) ist PAUL, die Portable Aqua Unit for Livesaving, eine wie der Name sagt tragbare Apparatur zur Wasserbehandlung. PAUL wurde vor ca. 20 Jahren an einer deutschen Universität (in Kassel) entwickelt, basiert auf Nano-Oberflächentechnologie und hat gleich mehrere Vorteile (leider auch einen wichtigen Nachteil). Nach meiner Kenntnis wurden
bisher schon über 4.000 PAUL´s weltweit verteilt, darunter auch 90 in Deutschland. Das Gerät ist leicht – um die 25 kg – und kann deshalb von Menschen transportiert werden; das ist entscheidend überall da, wo Strassen und andere Transportwege unterbrochen sind. Das Gerät ist sehr robust und kann z.B. aus einem dicht über Grund fliegenden Hubschrauber oder an einem Fallschirm abgeworfen werden; es benötigt keine externe Energie, der Filtrationsvorgang erfolgt ausschliesslich durch den hydrostatischen Druck des eingefüllten Schmutzwassers; und der Betrieb erfordert keine technischen Kenntnisse oder speziellen
Gerätschaften, eine einfache Wartung ist nur nach Monaten des Betriebs nötig. Während PAUL auch Bakterien und Viren fast vollständig heraus filtert (die Porengrösse liegt zwischen 20 und 100 Nanometern, das ist ein Zehntel bis ein Fünfzigstel Mikrometer; ein Typhus-Bakterium misst dagegen etwa einen halben bis gut einen Mikrometer im Durchmesser, die Mehrzahl der krankmachenden Viren liegt in der Grösse zwischen 20 und 300 Nanometern), sind chemische Schadstoffe zumeist gelöst und deshalb durch die Filterung nicht entfernbar.
Dank einem langjährigen Freund aus dem Ebersberger Umfeld, der mit seinem Ingenieur-Büro nicht nur über viele Jahre hinweg für Planung und Umsetzung des Hochwasserschutzes im Landkreis verantwortlich gewesen ist, sondern mich auch vor 12 Jahren über den örtlichen Rotary- und LIONS-Club mit dem PAUL-System bekannt gemacht hat, konnten wir nun für EFI sechs solche Filter-Einheiten erhalten und in die ukrainischen Überflutungssgebiete losschicken.
Danke, Robert Hoßfeld und danke, dass Du Deinen persönlichen Draht zum PAUL-„Erfinder“ und Hersteller Prof. Frechen eingesetzt hast, damit das auch in Zeiten sehr hoher Nachfrage so rasch möglich geworden ist!
PS am 5.7.23: die vorerst 6 PAUL-Einheiten sind wohlbehalten in Osnabrück angekommen, von wo sie diese Woche durch die Ukraine-Hilfe-Gruppe „What have you Done“? nach Cherson transportiert werden. Ein kleiner Beitrag, aber sicher nicht der letzte.
PPS am 20.7.23: die PAULs haben ihr Einsazugebiet unterhalb des gesprengten Kachowka-Dammes erreicht und sind, so hören wir von unseren dortigen Partnern, bereits im Einsatz. Die Reaktion von dort: „Auch wenn manche Chemikalien von den Filtern nicht abgefangen werden, ist vielleicht mit Chemikalien verunreinigtes Wasser so viel besser als eine vielleicht mit Chemikalien verunreinigte, aber garantiert Bakterien- und Viren-haltige Schmutzbrühe – danke an EFI!“
Juni 2023 – weitere Ausrüstung für den Op
Unter schwierigsten Bedingungen arbeiten Kolleginnen und Kollegen in dem, was nach den nicht endenden Raketenangriffen gerade auch auf die medizinische Infrastruktur noch als „Krankenhäuser“ geblieben ist; oftmals ohne Heizung, mit sporadischer Stromversorgung, mit Betrieb lebenswichtiger Ausrüstung (z.B. Sterilisatoren, Licht, Beatmungsgeräte) an irgendwie betriebenen Generatoren und immer in der Angst vor der nächsten Drohne. Krieg ist kein ritterliches Turnier wie früher, aber die in diesem Krieg an den Tag gelegte Menschenverachtung mit gezielter Beschädigung und Zerstörung der lebenswichtigen Grundstrukturen hat in der Sprengung des Kachowka-Staudamms einen weiteren unsäglichen Höhepunkt erreicht.
Dieser Staudamm in der Gegend von Cherson mit einem dahinter liegenden Stausee viermal so gross wie der Bodensee war entscheidend für die Landwirtschaft im gesamten Gebiet, für die Stromerzeugung (die allerdings wegen des Alters der Anlage nicht besonders hoch war), aber auch für die Trinkwasserversorgung grosser Teile der Süd-Ukraine einschliesslich der Krim und nicht zuletzt für die Kühlung des riesigen Kernkraftwerkes Saporischyja.
Die Kontamination des jetzt in die Ebene südlich von Cherson auslaufenden Wassers mit Öl und anderen Chemikalien wird, so ist zu befürchten, die landwirtschaftlichen Flächen auf Dauer verseuchen und eine Bewirtschaftung auf langer Zeit nicht mehr erlauben.
Es ist erschütternd anzusehen, wie die nach den brutalen Kämpfen um die Stadt Cherson ohnehin nur vereinzelt zurück gebliebenen Bewohner jetzt, nachdem sie Raketen, Bomben, Granaten und Strassenkampf überlebt haben, erneut nur mit dem Nötigsten oder gänzlich ohne jede Habe auf der Flucht sind, ohne eine Perspektive, wohin sie sich wenden sollen. Vor ihnen liegt zerstörte Heimat, das linke Flussufer ist von Feinden besetzt, von denen jede denkbare Grausamkeit droht, eine Versorgung von aussen durch internationale Organisationen ist nur sehr begrenzt möglich wenn überhaupt.
Inmitten dieses Chaos versuchen ärztliche Kolleginnen und Kollegen, einen notfallmässigen Klinikbetrieb aufrecht zu erhalten; darunter in einem ehemals grossen Krankenhaus in Saporischyja, zu denen EFI seit Kriegsbeginn
Verbindung hat und die wir im Laufe des vergangenen Jahres nach unseren Möglichkeiten mit Instrumenten, Medikamenten und weiterer Ausrüstung unterstützt haben. Auf dringende Anfrage konnten wir jetzt aktuell ein gebrauchtes Hochfrequenz-Gerät mit Zubehör zum Einsatz bei Operationen beschaffen, welches der Beschleunigung der Chirurgie und der Blutstillung dient. Damit lässt sich neben der Zeitersparnis unter Zeitdruck vor allem die Blutstillung erheblich verbessern, zumal Nahtmaterial (auch hier bemüht sich EFI regelmässig um Nachschub) und Blutkonserven bei Weitem nicht ausreichend zur Verfügung stehen.
Damit das noch nicht mit Chemikalien, aber doch mit sehr viel Sand und anderen Schwebstoffen verunreinigte Dnipro-Wasser, das jetzt und für lange Zeit durch die gebortstene Staudamm-Mauer fliessen wird, wenigstens
halbwegs als Trinkwasser genutzt werden kann, bemüht sich EFI seit wenige Stunden nach der Sprengung um die Beschaffung einer grösseren Zahl des transportablen Reinigungssystems „PAUL“ (Portable Aqua Unit for Lifesaving), das bei einem damaligen Stückpreis von US-$ 1.000.- vor Jahren schon erfolgreich in Pakistan, Myanmar, Haiti und Malawi zum Einsatz gekommen ist. MIt entsprechender wartungsarmer und energieunabhängiger Technik kann ein „PAUL“ täglich etwa 1.000 Liter verschmutztes Wasser zu passablem Trinkwasser machen.
Wir werden berichten, ob Beschaffung und Transport gelungen sind und ob gegebenenfalls rechtzeitig.
April 2023 – ein Allrad-Krankenwagen für den Fronteinsatz
Die von EFI bereits in die Ukraine gespendeten Krankenfahrzeuge sind mit grosser Freude entgegen genommen worden und stellen, hören wir, eine grosse Hilfe dar. Wie bei ihrer ursprünglichen Verwendung in Deutschland sind sie allerdings an eine Strasse von ausreichender Stabilität und Ebenheit gebunden – was nach mehr als einem Jahr Raketen- und Artilleriebeschuss, Granaten- und Minenexplosionen umso weniger vorzufinden ist, je
mehr man sich der Front nähert. Der Winter (EFI konnte übrigens auch einige Petroleum-Öfen von Privatpersonen ausfindig machen und über die bekannten Transportwege vor Ort bringen) und der Regen im einsetzenden Frühjahr haben es noch schwieriger bis unmöglich gemacht, unsere (und alle anderen) Krankenfahrzeuge dorthin zu bringen, wo sie benötigt werden.

Auf Wunsch ukrainischer Kollegen, vermittelt über unseren wichigsten Partner aus Ebersberg, haben wir deshalb aus Nordrhein-Westfalen einen gebrauchten Mercedes Benz Allrad Krankenwagen (schon mit über 350.000 km auf dem „Buckel“, aber in gutem Zustand) und aus Holland eine dazu passende Krankentrage beschafft, die hoffentlich mit ihrem
ukrainischen Fahrer schon in wenigen Tagen zusammen auf den langen Weg gehen werden. Bis zur Stadt Lwiw im ukrainischen Westen sind etwa 1.500 km zu bewältigen, von dort bis Saporischyja weitere 1.000 km, dazwischen zwei Landesgrenzen Deutschland-Polen und Polen-Ukraine – wir wünschen eine gute und sichere Fahrt!
NACHTRAG am 20. April 23: das Fahrzeug ist nach kurzem Aufenthalt in Polen und zusätzlicher Ausrüstung dort bereits in der Zentralukraine angekommen, nach Weiterfahrt Richtung Osten ist der Einsatz an der Front im Osten des Landes bereits für nächsten Dienstag geplant.
Im Namen von EFI und namens aller Menschen, die den verbrecherischen Überfall des russischen Militärs auf den „Bruderstaat“ nicht tatenlos hinnehmen wollen, danke ich – wie zuletzt schon so oft – allen ungenannten Helferinnen und Helfern für ihren Einsatz unter schwierigsten und manchmal lebensgefährlichen Bedingungen.
Februar 2023 – der zweite Ukraine-Krankenwagen ist gefunden
Zusammen mit einer in Deutschland ansässigen und tätigen ukrainischen Freundin konnte nun nach langer Suche und auch nur unter Einsatz von etwas mehr Geld ein zweites gebrauchtes Krankenfahrzeug aufgetrieben und angeschafft werden. Der „TÜV“ ist erfolgreich absolviert, und geplant noch für Februar wird der RTW mit einem freiwilligen Fahrer auf den Weg in die Ukraine gehen.
Die Kosten für das Fahrzeug betragen € 15.500.-, das ist für ein Spezialfahrzeug dieser Art ein sehr günstiger Preis. EFI hat, weil es nicht möglich war, für die vom Verein „United for Ukraine“ gesammelten Spenden ein brauchbares Fahrzeug zu erwerben, nochmal € 7.500.- beigesteuert. Danke, Angelina, für Deine ganze Mühe beim Suchen und Finden!
Wir hoffen, dass der Krankenwagen möglichst kurz für Kriegs-Verletzte und danach
möglichst bald und lang für Erkrankte zum Einsatz kommen kann. Die Partner vom Verein UnitedForUkraine werden uns von der Übernahme am Einsatzort berichten. Gute Reise!
Februar 2023 – mehr Nahtmaterial und Instrumente
Mit erneuter Unterstützung durch die Kreisklinik Ebersberg (danke liebe Cordula W. und Karl K.!) konnte EFI eine grössere Position Nahtmaterial in verschiedenen Grössen, verschiedenen Materialien und mit verschiedenen Nadeln sowie eine ganze Kollektion chirurgischer Instrumente erwerben und umgehend über unseren „Ameisenpfad“ auf den Weg in die Ukraine bringen. Ziel am Ende des Pfades ist eine Klinik in Mykolayiv, von der aus befreundete Kollegen die Dinge dorthin auf den Weg bringen, wo der Mangel am grössten und der Einsatz am hilfreichsten ist. Diesen Überblick hätten wir aus Grafing heraus selbstverständlich nicht – den dortigen Kollegen, die ihrerseits aus Studienzeiten befreundet sind mit zwei ukrainischen Ärzten in der Ebersberger Klinik, vertrauen wir ohne Einschränkung.
Der Wert der aktuellen Lieferung läge, wenn man ohne Verbindungen und ohne das Entgegenkommen der Hersteller und Zwischenhändler einkaufen müsste, um die € 50.000.-. EFI musste nur etwa 30.000.- einsetzen – unser herzlicher Dank gilt Fa. B. Braun GmbH in
Melsungen und Fa. Medicon in Tuttlingen, die und beide grosszügig entgegen gekommen sind (und das hoffentlich wieder tun werden)!
Januar 2023 – medizinische Ausrüstung nach Kräften
Obwohl es aussieht, als ob die seit 2020 abgesagten klassischen EFI-Operationseinsätze unter dem Dach von Interplast Germany e.V. im Jahr 2023 wieder aufgenommen werden könnten (Noida im April, Haridwar im Herbst, s. „Hauptprojekte“) und dann entsprechende Ausgaben verursachen werden, ist EFI in der Lage, die medizinische Unterstützung an einigen Orten in der Ukraine weiter zu führen.
Dies verdanken wir der anhaltenden Spendenbereitschaft unserer langjährigen Unterstützerinnen und Unterstützer, im Moment aber dazu auch einer sehr hohen Spende aus der deutschen Industrie, die bevorzugt dort gemäss unseren Satzungszwecken eingesetzt werden soll. Das tun wir bereits mit Hochdruck in der Überzeugung, dass Medikamente und Operationsmaterialien umso mehr bewirken, je eher sie am Ort des Bedarfs zur Verfügung stehen.
Ukrainische (und auch russische) ärztliche Kolleginnen und Kollegen, die seit langer Zeit in Deutschland und eben auch im Raum Ebersberg arbeiten, kümmern sich um die gezielten Informationen über den speziellen Bedarf, aber genauso um den Transport an Krankenhäuser vor allem im besonders umkämpften Osten und Südosten des Landes, wo trotz ununterbrochenen Artillerie-, Raketen- und Drohnen-Angriffen noch medizinische Einrichtungen auf einem gewissen Niveau arbeiten. Von Saporischschja ist es nicht weit nach dem fast völlig zerstörten Cherson oder nach Mykolajyv, das ebenfalls Ziel einiger Transporte von EFI gewesen ist und wieder sein wird.
Die logistischen Schwierigkeiten lassen sich vom komfortablen Grafing aus überhaupt nicht einschätzen; trotzdem bemühen sich die Empfänger, den Erhalt der Spenden in irgendeiner Weise zu bestätigen. Sie schaffen es immer wieder (wenn auch nicht immer), über das Internet, über private „Boten“ oder auch nur durch einen Telefonanruf. Transporte durch Kriegsgebiet erreichen nicht ausnahmslos ihr Ziel, kaum ein Empfänger verfügt über einen Schreibtisch wie im Routinebetrieb. EFI ist sich bewusst, dass die strengen Formalien, wie sie zu Recht bei einem gemeinnnützigen Verein einzuhalten und auch zu überprüfen sind, vielleicht nicht lückenlos erfüllt werden können – wir tun unser Bestes.
In den ersten Tagen des Neuen Jahres konnten wir eine kleinere Sendung Op-Instrumente (weitere werden folgen), Materialien zur Notfallbehandlung und Nahtmaterial (auch hier nur eine erste, kleinere Menge) kaufen, Material im Wert von ca. € 5.000.-, das nach Lieferung hoffentlich schon in der nächsten Woche auf den Weg nach Zaporischschja gehen.
Saporischschja bzw. auf Russisch Saporoschje mit einer Vorkriegs-Einwohnerzahl von knapp 800.000 verfügt
neben dem häufig in den Medien erwähnten grössten Atomkraftwerk Europas auch noch über das grösste Wasserkraftwerk der Ukraine, das den Dnepr-Stausee nutzt und eine Leistung von 1.500 MW aufweist. Das ist mehr als doppelt so viel wie die beiden grossen deutschen Edertal-Kraftwerke in Hessen zusammen oder zehnmal die Leistung des bayerischen Walchensee-Kraftwerks.
Das Krankenhaus der Medizinischen Hochschule arbeitet unter schwierigsten Bedingungen und natürlich nur eingeschränkt, hat aber unendlich zu tun mit Verletzungen von Lunge, Brustkorb, grossen Gefässen und Bauchorganen, wie sie durch Splitter typischerweise entstehen. EFI steht in enger Verbindung mit den dortigen Chirurgen und versucht den Mangel wenigstens ein bisschen zu lindern.
November 2022 – mehr Material für Osteuropa
Aus den bewundernswerten Sammel-Aktivitäten unseres Noida-Teammitglieds Sandra Stauber sind wieder (geschätzt zum zehnten Mal) eine Menge medizinischer Artikel zusammen gekommen. Die wurden nach Sichtung, Trennung und getrenntem Verpacken bzw. getrennter Entsorgung nicht zu verwendender Dinge (auch das ist humanitäre Arbeit, nicht nur das Fernsehserien-reife „Lebenretten“) je nach Art teils mit einer kommerzieller Spedition in die befreundeten Kliniken in Ostrumänien, teils über die nun schon häufig genannten „Ameisenwege“ an verschiedene Orte in der kriegsgequälten Ukraine gebracht.
Dort sind auch Artikel der Körperpflege, einfaches Verbandsmaterial, Desinfektions- und Reinigungsmittel allerhöchst willkommen, ebenso wie völlig intakte, aber vom Produktionsdatum her verfallene und deshalb in Deutschland nicht mehr verwendbare Schutzanzüge, wie sie von Berufsorganisationen in grosser Zahl an Arztpraxen verteilt worden waren. Einige Hundert davon sind ebenfalls auf dem Weg und werden wenn nicht gegen Viren, dann gegen Regen, Schmutz und Kälte schützen.
Für die rumänischen Freunde konnten wir ein komplettes Set zur endoskopischen Kniegelenks-Chirurgie beisteuern zusammen mit reichlich Zubehör. In Ermangelung eines CE-Zeichens ist die Verwendung in Deutschland nicht mehr zulässig, die Herkunftsklinik (und nahezu alle anderen Kliniken) musste sich für viel Geld neu ausstatten. Ob solche Abläufe stets und immer nur sicherheitstechnische oder gar medizinische Gründe haben, sei dahin gestellt. Bei PKW´s würde das plötzliche Aus-dem-Verkehr-Ziehen aller Fahrzeuge mit nur dem zweitneuesten Sicherheitsstandard wohl nicht funktionieren – das Fehlen von Sicherheitsgurten, Katalysator, Airbag etc. in Old- und Youngtimern ist Lobby-mässig offenbar besser abgesichert. Die Klinik in Rumänien wird sich freuen!
November 2022 – Antibiotika-Nachschub für Mykolajiv
Das Krankenhaus in Mykolajyv (das eines der von EFI schon häufiger unterstützen Häuser in der ukrainischen Kriegsregion ist) hat wieder um spezielle Antibiotika gebeten, wie sie bei schweren Infektionen z.B. in der dort noch immer möglichen Neuro- und Unfallchirurgie nötig sind.
Über unsere üblichen Beschaffungswege (auch hier einmal mehr unser herzlicher Dank an Team und Eigentümer der – nicht gerne genannten – südbayerischen Apotheke, die EFI seit mehr als 15 Jahren mit unentgeltlicher Tat, qualifiziertem Rat und ausserordentlich entgegenkommender Preisgestaltung unterstützt) war dieses spezielle Medikament zur Zeit nur mit langer Lieferfrist zu besorgen. Über einen anderen Weg konnten wir dann aber doch eine nicht ganz kleine Menge, Wert ca. € 4.000.-, aus NRW erhalten und über befreundete Ukrainer und ihre immer wechselnden Transportrouten nach Mykolajyv schaffen. Danke, liebe Birgit!
Mit ihrer eigenen Apotheke in Pulheim bei Düsseldorf und einem Netzwerk befreundeter und engagierter Apothekerinnen und Apotheker aus der Gegend hatte Birgit S. schon im Sommer 2016 (s. Aktuelles, Juli 2016) eine Aktion zugunsten EFI ins Leben gerufen und seitdem am Leben gehalten, bei der Apothekenkunden die Wahl zwischen einer Spende von 10 Ct und keiner Plastiktüte für ihre Medikamenteneinkäufe hatten. Seither sind über 4.000.- Euro eingegangen und mehrere Tausend Plastiktüten vermieden worden, oft auch von Kunden, die dann trotzdem spendeten.
Oktober 2022 – reparieren statt amputieren
Verletzungen durch Granatsplitter verursachten schon im Ersten und Zweiten Weltkrieg immenses Leid und vor allem lebenslange Folgen im Sinne der „Kriegsversehrung“ – für die, die überlebten. Amputierte Gliedmassen, vor allem ganze Beine oder „nur“ Unterschenkel waren ausserordentlich häufig und geradezu ein Kennzeichen der Heimkehrer von der Front. Neben dem menschlichen Leid sind nicht arbeitsfähige, aber zu versorgende Kriegsverwundete, so kalt das auch klingen mag, auch ein wirtschaftlicher Faktor in Zeiten des Wiederaufbaus – Deutschland, die USA, Viet Nam, Ruanda, Angola und Dutzende andere Länder sind erschütternde Beispiele dafür.
Das hat sich bis heute nicht geändert – im Gegenteil, die Waffenindustrie hat sogar Sprengkörper entwickelt, deren Ziel es ist, möglichst viele und möglichst schwere derartige Verletzungen hervorzurufen. Sie werden als Splitterbomben bezeichnet und sind im Gegensatz zu Streubomben nicht geächtet (weil sie das kriegsrechtlich legitime Ziel der Zerstörung von Fahrzeugen etc. haben). Je kleiner die Splitter sind und je mehr kleines Splittermaterial in den Bombenmantel integriert wird, desto eindeutiger sind diese Streubomben gegen Personen gerichtet, und genau so werden sie im Ukraine-
Krieg verwendet, in dem der Angreifer Russland auch sonst in brutalster Weise alle Konventionen missachtet z.B. durch Zerstörung von Trinkwasser- und Energieanlagen zu Lasten der Zivilbevölkerung.
Die engagierten und hervorragend aussgebildeten ukrainischen Ärztinnen und Ärzte, die seit Februar über sich hinaus wachsen und unter unvorstellbaren Bedingungen Unvorstellbares leisten, sind fachlich selbstverständlich in der Lage, schwere und schwerste derartige Verletzungen nach dem Stand der Kunst zu behandeln. Woran es allerdings zunehmend fehlt, sind spezielle Materialien, im Falle der Splitterverletzungen zum Beispiel Gefässersatzmaterial, das oft genug über den Unterschied zwischen Wiederherstellung der Blutbahn eines verletzten Gliedes und Amputation entscheidet.

EFI konnte über die inzwischen gut etablierten Beschaffungswege (danke wieder einmal an das Team der Kreisklinik Ebersberg, die ihrer Rechtsform als gemeinnützige Gesellschaft Ehre macht) für mehrere Tausend Euro derartiges Ersatzmaterial (Goretex-Prothesen und Patches) beschaffen und auf den „Ameisenweg“ in ein ukrainisches Krankenhaus bringen. Wir hoffen, dass damit einige Amputationen vermieden und zum Überleben einiger schwer Verletzter beigetragen werden kann.
September 2022 – die „Ameisen-Route“ funktioniert
Während unsere grösseren Transporte mit den grossen LKW´s auf den grossen Strassen nicht immer besonders zügig voran kommen (vom letzten 40-Tonner, der am 09. August mit dem Ebersberger Material und weiteren Paletten beim Verein Begegnungen mit Menschen in Soyen beladen und auf den Weg gebracht worden ist, wissen wir bisher nur, dass er eine Woche später die Ukraine errreicht hat; von den „Endverbrauchern“ haben wir bis heute keine Nachricht), geht es bei unseren Kleintransporten, dem „Ameisen-Pfad“, schneller und zielgenau.
Anfang August hatte sich erneut ein privater Transportweg ergeben, den wir über das persönlichen Netzwerk über Ebersberg umleiten konnten. Den nicht zu grossen Kombi füllte EFI aus seinen inzwischen wirklich allerletzten Beständen mit mehreren Hundert Beatmungstuben, Larynxmasken (ebenfalls zur Beatmung), Ambu-Beuteln, Beatmungsschläuchen, Infusionsbestecken, Venenkanülen, Guedel- und Wendl-Tuben (Atem-Hilfsmittel), vieles davon in Kinder- und Säuglingsgrössen, sowie einem restlichen Kontingent Lokalanästhetika.
Der Zielort war diesmal besonders sensibel (schon im Juli hatten wir eine Lieferung in das damals unter schrecklichen Angriffen liegende Mariupol
durchgebracht), nämlich Saporischija, das wegen seines riesigen Atomkraftwerkes und wegen der Art und Weise, wie es in völliger Menschenverachtung als „Spielmaterial“ in diesem brutalen Krieg behandelt wird, derzeit in aller Munde ist.
Umso grösser war die Erleichterung und Freude, als unser ukrainischer Kollege und Verbindungsmann Volodymyr Kobetskyi uns Anfang der Woche berichten konnte, dass sämtliches Material die geplanten Empfänger erreicht hat und dass gerade die Kinder-Ausrüstung einen riesigen Mangel wenigstens vorübergehend beheben konnte.
Wir danken allen, die auf diesen Transport-Fahrten nicht nur ihre Zeit einsetzen, sondern auch ein nicht geringes Risiko für Leib und Leben auf sich nehmen. Nur wenn alle, die der unmenschlichen russischen Aggression nicht tatenlos zusehen wollen, einen kleinen Beitrag leisten, jeder nach seinen Möglichkeiten, kann Einfluss genommen oder wenigstens eine eindeutige Haltung ausgedrückt werden. Wir von EFI machen jedenfalls weiter, so gut wir können.
